Freitag, 4. März 2011

Richtig entscheiden: Was Sie von Kampfsportlern lernen können

Mehrmals täglich treffen wir Entscheidungen – manchmal sind sie mehr, manchmal weniger wichtig. Wir treffen richtige, aber auch falsche Entscheidungen. Wie genau die Entscheidungsfindung funktioniert, was in uns vorgeht, war und ist Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen. Dabei haben wir viele hilfreiche Erkenntnisse gewonnen – aber noch kein Patentrezept dafür, wie wir immer die richtige Entscheidung treffen.

Kampfsportler müssen innerhalb kurzer Zeit zahlreiche Entscheidungen treffen: Ausweichen oder angreifen, erst blocken oder direkt kontern? Wo sind die Schwachpunkte des Gegners, mit welcher Technik greife ich an? Wie wehre ich Angriffe ab? All diese Entscheidungen werden in Bruchteilen von Sekunden getroffen – falsche Entscheidungen werden in Bruchteilen von Sekunden bestraft.

Seit mehr als zehn Jahren betreibe ich Shotokan Karate und habe mich während dieser Zeit auch mit den kulturellen Hintergründen asiatischer Kampfkünste beschäftigt. In Werken der asiatischen Literatur finden sich einige Hinweise, wie man effektiv und effizient Entscheidungen trifft.
Ein altes Sprichwort lautet: „Denke scharf nach und entscheide innerhalb von sieben Atemzügen.“ Fürst Takanobu kommentierte einmal: „Langes Überlegen stumpft den scharfen Rand einer Entscheidung ab.“ (1)
Wenn Sie eine Entscheidung zu treffen haben, sammeln Sie dafür so viele Informationen wie unbedingt nötig, aber so wenige wie möglich. Vermutlich werden Sie niemals im Besitz aller möglicher Informationen sein, die Ihre Entscheidung beeinflussen könnten. Also suchen Sie gar nicht erst danach. Zu langes Abwägen führt zum Zögern und Zweifeln. Und: eine anstehende Entscheidung zu treffen und danach zu handeln ist besser als nicht zu handeln und eine Entscheidung vor sich her zu schieben. Wenn Sie sich im Thema auskennen und bereits Erfahrung haben, ist Ihre Intuition ein guter Ratgeber. In diesem Fall hören Sie auf Ihr Bauchgefühl.
Eine Regel, die von Fürst Naoshige in dem „Schreiben an die Mauer“ hinterlassen wurde, liest sich so: „Dinge von großer Bedeutung sollen gelassen angegangen werden.“ Ittei sagt in seinem Vorwort zu dieser Regel: „Dinge von geringer Bedeutung sollen ernsthaft angegangen werden.“ (1)
Stress und Hektik sind schlechte Ratgeber. Bedeutende Entscheidungen treffen Sie dann, wenn diese anstehen, ohne sich Tage, Wochen, Monate darüber den Kopf zu zermartern. Sorgen Sie aber dafür, dass Sie dann genug Zeit und den Kopf frei dafür haben. Weniger bedeutende Entscheidungen treffen Sie sobald und mit so wenig Aufwand wie möglich, damit Sie sie vom Tisch und aus dem Kopf haben. Wenn Sie beides beherzigen, haben Sie stets genug Ressourcen für das Treffen der bedeutenden Entscheidungen.
Tatkraft kann mit dem Spannen einer Armbrust verglichen werden; eine Entscheidung fürwahr mit der Betätigung des Abzugs. (2)
Wenn Sie schon einmal mit einer Armbrust, Pfeil und Bogen oder einer Sportfeuerwaffe geschossen haben, kennen Sie die Situation vermutlich. Nachdem die Waffe gespannt bzw. angelegt ist, kann man nur eine kurze Zeit konzentriert das Ziel anvisieren. Es beginnt vor den eigenen Augen zu verschwimmen, die Armkraft lässt nach, die Haltung wird unruhiger. Je länger man das Ziel über den kritischen Punkt hinaus anvisiert, desto ungenauer wird der Schuss. Wenn Sie also die Basis für Ihre Entscheidung geschaffen haben: Entscheiden Sie und nutzen Sie Ihre Tatkraft, die Entscheidung auch offensiv umzusetzen. Zielen nützt nichts, wenn Sie nicht abdrücken.


(1) Tsunemoto Yamamoto, HAGAKURE – Der Weg des Samurai, Herausgegeben und aus dem Englischen übersetzt von Guido Keller, Piper Verlag GmbH, München 2003; 6. Auflage 2007; S. 30 u. 53

(2) Sun Tsu, Über die Kriegskunst – Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft, Aus dem Englischen von Patrick Lindley, Matrix Verlag GmbH, Wiesbaden 2005; S. 64


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