Dienstag, 7. Juni 2011

Veränderungen sind doof: Was Web von Print noch lernen kann

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Noch ein bisschen schlaftrunken kommen Sie in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen. Ein Griff … was ist das? Wo bis gestern noch die Tassen standen, haben Sie jetzt eine Bratpfanne in der Hand. Endlich die Tassen gefunden, beginnt die Sucherei nach dem Kaffee. Der steht nun dort, wo die Gewürze waren. Und die – hätten fast zu einem Oregano-Aufguss geführt. Derweil erklärt ihr Mitbewohner stolz, dass er in den letzten Wochen zahlreiche Tests gemacht und Ihre Küche über Nacht nach neuesten Erkenntnissen der Benutzerfreundlichkeit optimiert hätte. Und wo sind eigentlich Zucker und Sahne? Braucht kein Mensch, ohnehin ungesund, meint er. Warum ich das in meinen Blog schreibe? Weil ich mich gestern Nachmittag auf der Business-Plattform Xing ein bisschen wie in der Küche gefühlt habe …


Bereits vor Wochen gab es umfassende Veränderungen, über die die Nutzer der Community durchaus geteilter Meinung waren. Ich fand sie … naja, gewöhnungsbedürftig. Und als ich mich gerade daran gewöhnt hatte, kündigte der Betreiber einen kompletten Relaunch an: Ab Juni das neue Xing. Und siehe da, am 1. Juni … änderte sich erstmal nichts. Außer der Ankündigung, dass das neue Xing am 7. Juni kommen würde. Es kam auch: Allerdings einen Tag früher, am Nachmittag des 6. Juni, quasi „mit der Brechstange“ verschaffte es sich Zugang zu meinem Monitor. Eingerichtete Browserstyles waren sofort unbrauchbar bis hinderlich, die Nutzerführung völlig neu, Funktionen zum Teil nur noch über Hintertürchen erreichbar. Vorteil? Nutzen? Für mich aktuell noch nicht erkennbar … ich bin mit dem Suchen der alten Funktionen beschäftigt.

Aber es geht auch anders: Vor ein paar Tagen stellte meine Regionalzeitung ihr Layout um – oder besser: war eine komplexe Struktur- und Layoutumstellung abgeschlossen. Über einen längeren Zeitraum gab es viele kleine, manchmal kaum feststellbare Veränderungen: Schriftart, Zeilenabstand, Seitenlayout, Seitentitel, Buchaufbau ... Für den Leser schön übersichtlich und häppchenweise portioniert – und immer mit einer Erklärung versehen: was ändert sich wie und wo – und was habe ich als Leser davon. Zum Ende der Umstellung gab‘s noch einmal eine achtseitige Beilage, die sich nur mit der Umstellung beschäftigte, das Team vorstellte, inhaltliche Veränderungen beschrieb. Leser-Blatt-Bindung wie man sie besser kaum machen kann.

Die Printtitel werden von den Web-Machern oft genug belächelt wegen ihrer Langsamkeit. Allerdings:

1. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.
2. Veränderungen von außen sind doof.

Punkt.


Wer das nicht berücksichtigt, begibt sich auf unsicheres Terrain. Das haben Zeitungen und Zeitschriften über Jahrzehnte gelernt: Veränderungen nur in kleinen Dosen und immer schön redaktionell begleiten – sonst nimmt uns das der Leser übel. Und da ist der Webnutzer nicht anders. Was nutzt die tollste unter Laborbedingungen ermittelte Benutzerführung, die beste Usability-Studie, wenn von jetzt auf gleich über 10 Millionen Xing-Nutzer (=Gewohnheitstiere) ihre Gewohnheiten komplett umstellen müssen.

Stellen Sie sich das Chaos mal in einer Großküche vor. Und dabei wollten Sie doch nur einen Kaffee trinken …

Kommentare:

  1. Den Vergleich mit der Küche fand ich sehr treffend. Nun spinne ich das mal weiter:

    Am Sonntag sagt der Mitbewohner: Morgen stell ich die Tassen zum Kaffee, damit Du das Kaffeepulver nicht mehr so weit tragen mußt.
    Am Montag sagt der Mitbewohner: Morgen räum ich die Teller direkt neben die Brotmaschine, damit Du die Brotscheibe gleich auf Deinen Teller legen kannst.
    Usw.

    Wie man hier sieht, mag es durchaus Gründe geben, warum man etwas verändert. Xing hat das im März ja auch bereits "ausgetestet" durch die Umstellung der Box "Neues aus meinem Netzwerk" und die Kritik war enorm. Doch auch das häppchenweise Verändern von Xing hätte an dem Ergebnis nichts geändert. Die neue Gestaltung ist zwar eine Veränderung, aber eine Verschlechterung!

    Es wäre eben besser gewesen, die Tassen und die Teller direkt in die Nähe der Spülmaschine zu stellen, denn es gibt nicht nur Kaffeetrinker oder Brotesser. Die Tatsache, daß der Mitbewohner die Änderung ankündigt, ändert nichts daran, daß es unpraktisch ist.

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  2. „Eine gute Idee, ein tolles Layout, ein neues Design polarisiert immer. Wenn das nicht so ist, wenn Ihre Idee, Ihr Layout, Ihr Design allen gefällt, werfen Sie es in den Papierkorb. Dann haben Sie nur graue Soße“, so die Botschaft des damaligen Chefs einer nicht unbedeutenden Kommunikationsagentur in einem Seminar. Insofern sehe ich die „Verschlechterung“ gelassen und gebe mir noch ein bisschen Zeit, mich an das neue Xing zu gewöhnen. Vielleicht erkenne ich ja mit der Zeit die Vorzüge – vorausgesetzt, die Xingler hören jetzt auf mit der Rumbastelei und lassen Plattform und Nutzer in Ruhe.

    Hin und wieder braucht‘s mal eine neue Küche (die vielleicht nicht jedem auf Anhieb super gefällt und auch nicht für jeden optimal ist) und die Bewohner etwas Zeit, sich an das Neue zu gewöhnen … ;-)

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  3. Torsten SchreiberDienstag, 07 Juni, 2011

    Guten Abend Herr Stein,

    ein schöner Beitrag! Auch der Vergleich zu den Printmedien, allerdings habe ich hier eine Anti-These.

    Gerade weil sich die Verlage und klassischen Printmedien nicht verändert haben, blieben sie weitgehend auf der Strecke.

    Das Web ist noch gnadenloser und wer sich der Dynamik des Marktes und seines Umfelds im Marktgeschehen nicht anpasst, geht unter.

    Xing hat sich daher nicht verändert, weil es seine Nutzer ärgern wollte, sondern weil es den Trends der Social Networks folgt. Und das war und ist gut so.

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  4. Hallo Herr Schreiber,

    vielen Dank für Ihren Kommentar. Was die Printmedien betrifft, habe ich eine andere Ansicht - aber das nur am Rande, denn das würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen. Schließlich geht es um Xing ...

    Dass Xing sich aus den von Ihnen genannten Gründen ändern wollte, und dass das gut war und ist, kann ich durchaus genauso sehen. Von einer Veränderung erwarte ich vor allem eine Verbesserung für die Nutzer - die ist für mich aktuell nicht ersichtlich. Im Gegenteil: Um Zugriff auf für mich wesentliche Funktionen/Informationen zu erhalten, benötige ich deutlich länger als bisher ... leider.

    Viele Grüße

    Heiko Stein

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  5. Ich finde, Social Networking ist ein bei weitem überbewertetes Modell. Schliesslich haben wir alle auch noch Jobs. Was sind das dann für Leute, die ihre Zeit überwiegend in solchen Netzwerken verbringen und sich mit immer neuen Statusmeldungen interessant machen wollen?


    Susanne Curlott (Ex-Premium Kunde bei xing)

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  6. Xing ist einfach _völlig_ unbenutzbar geworden.
    Leider verstehen die meisten Menschen nicht, welche Macht Sie als Kunden haben:
    http://www.rusch-hour.com/surl/7673

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  7. Danke, der Artikel gefällt mir, der Vergleich mit der Küche passt!
    Wobei mir dort gerade der Kaffee fehlt, d.h. da die Gruppenfunktionen bei Xing so gekappt wurden ist mein Kaffee (= Diskussions-)bedürfnis nicht wirklich zu befriedigen.
    Sehr schade. Ich kucke mich nach einer Alternativküche um!

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  8. Die Lösung aus der Praxis wäre so einfach, in dem man zwei Varianten dem User zur Verfügung stellt. Das klingt dann so: hier stellen wir Ihnen das neue professionele XING vor und hier die classic Ansicht. Nutzen Sie doch was Sie mögen und stöbern Sie in der neuen Applikation und entdecken neue Funktionen. So ist es zum Beispiel bei meiner Onlinebank die netbank AG. ;-)

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  9. Ich finde den Beitrag sehr treffend, auch wenn ich die "Probleme" nicht ganz nachvollziehen kann.
    Gewohnheitstiere... gut und schön! Der erste Blick schreckt ab, wenn man sonst doch so routiniert durch die Menüs gesprungen ist.
    Dennoch sehe ich eine klare Verbesserung der Strukturen.
    Links im Menü --> die Neuigkeiten, nach Sparten sortiert
    und oben im Menü die entsprechende Führung durch die "Abteilungen".
    Vorher waren die Formen vielleicht gewohnt, aber nicht sonderlich logisch...

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  10. Stellen Sie sich vor, Sie steigen in Ihr Auto und wollen das Radio einschalten - keins da. Na gut, erstmal der Griff zum Fensterheber - da is nur ne Kurbel. Und der Schwenk aus der Parklücke wird zur Herausforderung, weil die Servolenkung wohl nicht funzt.
    Oder hat da jemand auf ne alte Version zurückgedreht??

    Das Ärgerliche an den Neuerungen bei Xing ist nicht, dass etwas neu ist, sondern dass bekannt-wichtige/angenehme Funktionen (noch) nicht da sind, wo sie hingehören; der Ärger über wochen- bis monatelange Debatten über die letzte Xing-Version (verschiebbare Infokästen usw.) - jetzt alles hinfällig.
    Nein, was viele ärgert sind nicht die Neuerungen (und Manches "liebgewonnene" taucht ja vielleicht wieder auf). Was NERVT ist die Resistenz von Xing den Usern gegenüber! Ich habe für den Begriff "A/B-Test" ebensowenig Verständnis wie für die Aussage "die Zufriedenen äußern sich halt nicht so oft wie die Unzufriedenen".
    Mitbestimmung ist kein Recht des Users bei Xing, aber der Premiumnutzer fragt sich immer öfter, warum man der Willkürmaschinerie Xing noch Geld hinterherwirft - zumal die Basisfunktionen denen der Premiums immer mehr ähneln. Ich zahle, weil ich werbefrei bei Xing unterwegs sein will. Und nein, ich will von der Telekom keinen Beamer o.ä. Solche Werbung akzeptiere ich als Premium-Mitglied nur, wenn ebenso viele Bannerplätze z.B. www.sternenbruecke.de u.w. kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

    @Xing: gebt mir Gründe, Premium-Mitglied zu sein!

    Meine Hoffnung: das Release ist - bis auf Nacharbeiten - durch, die Nation wird sich beruhigen (oder abmelden) und Xing kann sich wichtigen Dingen zuwenden: den Usern.

    In diesem Sinne...

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  11. Der Relaunch erscheint mir als völliger Bauchplanscher. In der Praxis viel mehr Scrollen und Klicken - unproduktiv. Dazu werden jede Menge völlig uninteressanter Meldungen in den Ticker gespült. Für mich persönlich: total daneben, passt aber in die schlechte Entwicklung der letzten Zeit mit weniger Beiträgen in den Foren sowie "Fußabstimmung" Richtung Facebook und LinkedIn.

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