Donnerstag, 7. Juli 2011

Bis Samstag einfach mal die Klappe halten!

„Die verbleibenden zwei Tage müssen wir auf jeden Fall nutzen, ein paar Kleinigkeiten können wir noch verbessern“, sagt der Perfektionist mit fester Stimme. „Lasst uns doch mal ein paar andere Sachen ausprobieren, Kreativität ist alles“, mischt sich ein anderer ein. Zweifelnd meldet sich der Dritte: „Möchte bloß mal wissen, wer überhaupt auf diese Schnapsidee gekommen ist.“
Ein kurzer Moment der Ruhe ...
„Einfach schauen, wie’s läuft. Was zählt, ist doch der olympische Gedanke“, klingt es gelassen aus dem Hintergrund. „Auf keinen Fall. Ohne den festen Willen zum Erfolg brauchen wir gar nicht erst anzufangen!“


Ja, so ähnlich könnte sie sich anhören, die Teamsitzung, 48 Stunden vor ultimo: Am Samstag starte ich beim 5. Konstanz-Cup im Karate, Disziplin Kata*, Einzel.

Einzel – und wieso dann eine Teamsitzung?

Was da gerade tagt, könnte mein „inneres Team“ sein – erkennen Sie die einzelnen Teammitglieder? Der Perfektionist, der kreative Problemlöser, der Zweifelnde, der Gelassene, der Kämpfertyp - alle sind da und geben ihren sprichwörtlichen Senf dazu ...

Das Innere Team ist ein Persönlichkeitsmodell des Psychologen Friedemann Schulz von Thun. Es verdeutlicht unsere „innere Pluralität“, verschiedene Ansichten zu bestimmten Problemen und Entscheidungen, verschiedene Stimmen in uns. Diese Stimmen, also die einzelnen inneren Teammitglieder, versuchen unsere Kommunikation und damit unser Handeln aus unterschiedlichen Motiven in unterschiedliche Richtungen zu beeinflussen.

Mit der Metapher des Inneren Teams gelingt eine Selbstbetrachtung und Selbstklärung, die wiederum die Basis für ein klares, authentisches und angemessenes Verhalten ist. Die meisten unserer inneren Teamsitzungen laufen unbewusst ab. In ungewohnten oder schwierigen Situationen lohnt es sich jedoch, eine Sitzung des Inneren Teams einzuberufen und bewusst abzuhalten.

So läuft eine innere Teamsitzung ab
(nach Friedemann Schulz von Thun, Miteinander Reden, s.u.):

1. Identifikation der Teilnehmer

  • wie viele
  • welche Botschaften haben diese
  • wer sind sie, wie könnte man sie nennen

2. Anhörung der Einzelstimmen
  • ausführliche Anhörung der Einzelnen, ohne Diskussion

3. Freie Diskussion

4. Moderation und Strukturierung
  • Teamleiter fasst das Ergebnis der Diskussion zusammen
  • Gemeinsamkeiten, aber auch strittige Punkte sind offen kommuniziert

5. Brainstorming
  • Lösungen für Probleme finden, Kompromisse abklären

6. Integrierte Stellungnahme/Entscheidung
  • Teamleiter nutzt die „Weisheit der Vielen“ und trifft eine Entscheidung
  • auch wenn letztlich nicht alle Interessen der Teammitglieder berücksichtigt werden können, so sind alle in die Entscheidungsfindung einbezogen worden

Neben der „einfachen“ Teamsitzung bietet das Modell des Inneren Teams weitere Anwendungsmöglichkeiten, wie seine Nutzung im inneren Konfliktmanagement, im bewussten und langfristigen Teamaufbau (Sie hätten gern Teammitglieder, die Sie noch nicht haben) sowie in der situativen Teamzusammensetzung (z. B. in konkreten Verhandlungssituationen). Links zum Buch Miteinander Reden 3 und weiteren Informationen finden Sie am Ende des Beitrages.

... und nun zurück zu meiner inneren Teamsitzung:

„Über die Teilnahme an sich müssen wir nicht mehr diskutieren. Die Anmeldefrist ist abgelaufen und die Startgebühr ist bezahlt“, sagt der Teamleiter mit Blick auf den Zweifelnden. „Und da nur noch wenig Zeit ist, konzentrieren wir uns auf das, was wir können – keine kreativen Extratouren. Bis Samstagabend hat der Perfektionist das Sagen – alles hört auf sein Kommando. Gelassenheit und Kampfgeist brauchen wir gleichermaßen. Alle anderen können gleich zu Hause bleiben. Wenn ihr doch mitkommen wollt: Bis Samstag einfach mal die Klappe halten ...“

;o)

Quelle:
Friedemann Schulz von Thun, Miteinander reden 3, Das „Innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation, Rowolth Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, Oktober 1998 (wobei ich Ihnen die Lektüre aller drei Bände der Reihe "Miteiander reden" empfehle)

Weitere Informationen:
Schulz von Thun – Institut für Kommunikation

*Kata:
Eine festgelegte Abfolge verschiedener Karate-Techniken, die einen Kampf gegen mehrere imaginäre Gegner darstellt. Weitere Infos bei Wikipedia


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