Sammeln verboten. Jagen erlaubt.

Die zahlreichen virtuellen Netzwerke scheinen uns, was unser Kontaktverhalten betrifft, wieder an die Anfänge der menschlichen Entwicklung zurück zu katapultieren. Wir gehen auf Kontakt- wie seinerzeit auf Nahrungssuche. Drei Spezies sind z. B. im Business-Netzwerk Xing besonders häufig anzutreffen: der Jäger, der Sammler und der Trapper. Eine nicht ganz ernst gemeinte Typologie.


Der Jäger
Für den Jäger steht die Qualität seines Netzwerks über allen anderen Aspekten. Er wählt seine Kontakte sorgfältig danach aus, ob sie ihm oder er ihnen von Nutzen sein kann. Gezielt durchforstet er Profile und analysiert, ob sich in den Rubriken „Ich suche …“ und „Ich biete …“ Überschneidungen ergeben. Wahlweise sind auch diverse berufliche Stationen (gleicher Arbeitgeber, Branche, Funktion) oder Ausbildungsschritte (Uni, Ausbildungsberuf, Weiterbildung) Anlass für eine Vernetzung. Auch eine persönliche oder geschäftliche Beziehung kann die Basis einer virtuellen Kontaktanbahnung sein. Da der Jäger keineswegs blind drauflos kontaktet, hat er eine hohe Trefferwahrscheinlichkeit. Dass der finalen Kontaktanfrage persönliche Nachrichten vorausgehen, ist nicht ungewöhnlich, sondern deutet vielmehr auf eine ausgefeilte Jagdmethode hin. Erhaltene Kontaktanfragen erwidert der Jäger stets mit einer persönlichen Nachricht – auch wenn er sie ablehnt (was häufig vorkommt).

Der Sammler
Für den Sammler zählt allein die Masse: Kontakte, Kontakte, Kontakte. Wofür, weshalb ist völlig nebensächlich. Als Anlass für eine Kontaktaufnahme genügt eine Einblendung Ihres Kurz-Profils in der Rubrik „Vielleicht auch interessant …“ oder „Mitglieder, die Sie kennen könnten …“. Wahlweise: Sie kennen jemanden, der jemanden kennt, der den Sammler kennt – nein, nicht kennt: der den Sammler als Kontakt hat. Dem Anlass folgt die sofortige Kontaktaufnahme über den entsprechenden Button.

Den Echten Sammler erkennen Sie daran, dass er Ihnen eine Kontaktanfrage schickt, ohne vorher ihr Profil besucht zu haben. Die Begleitnachricht ist oft standardisiert und kann durchaus mit der Anrede „Sehr geehrtes Xing-Mitglied …“ beginnen. Selbst bei Kontaktablehnung reagiert der echte Sammler gelassen, einzelne Sammler reagieren sogar darauf mit der vorformulierten persönlichen Nachricht „Ich freue mich über Ihre Kontaktbestätigung …“ – eine Buchempfehlung o.ä. gibt’s gleich noch dazu. Im Gegensatz zum Echten Sammler reagiert eine Untergruppe der Sammler, der s. g. Unechte-Sammler, auf Ihre Ablehnung seiner Kontakt-Anfrage brüskiert.
Neben den genannten Merkmalen erkennen Sie beide Arten der Sammler an der rasant wachsenden Kontaktzahl, die innerhalb kurzer Zeit einen hohen vierstelligen Wert erreicht.

Der Trapper
… hält sich für den Fuchs unter den Jägern. Seine Zielkontakt-Auswahl trifft er nach ähnlichen Kriterien wie der Jäger. Allerdings wird er selbst nur indirekt tätig: Ist ein Wunschkontakt ausgemacht, ruft er dessen Profil in unregelmäßigen Abständen immer wieder auf und macht sein „Opfer“ dadurch auf sich aufmerksam. Die meisten Opfer können kaum widerstehen – zu verlockend ist es zu erfahren, wer da so interessiert an einem selbst ist. Prompt tappen sie in die Falle und rufen das Profil des Trappers auf.

Für ihn ist dann alles nur noch Formsache – innerhalb kurzer Zeit schnappt die Falle in Form einer persönlichen Nachricht des Trappers endgültig zu: „Vielen Dank für den Besuch auf meiner Profilseite. Ich hoffe, Sie haben gefunden, wonach Sie suchten. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“ So oder so ähnlich kann die Nachricht lauten. Hin und wieder kann man insbesondere unerfahrene Trapper dadurch verunsichern, dass man ihnen antwortet: „Ich wollte nur wissen, wer sich da so intensiv für meine Angebote interessiert, dass er gleich viermal innerhalb von einer Woche mein Profil aufruft.“

Und ich?
… zähle mich eher zu den Jägern – mein Netzwerk ist überschaubar. Zu den meisten meiner Kontakte hatte oder habe ich eine geschäftliche oder persönliche Beziehung. Auch wenn ich selbst „kontaktet“ werde, ist mir ein Jäger als Gegenüber immer noch am liebsten, also:

Sammeln verboten. Jagen erlaubt.

Kommentare:

  1. Sehr schön, danke.
    Dann jage ich mal weiter :)

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  2. Ich persönlich kann mit den Sammlern nicht viel anfangen. Wenn ich ein solches Exemplar sichte, frag ich einfach mal nach, wo er denn Überschneidungen in unseren Profilen sieht. Meist reagiert der Sammler dann durch's Löschen der Kontaktanfrage! ;-))

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  3. Hallo Herr Stein,

    interessante Auflistung. Allerdings gibt es noch ganz andere Möglichkeiten. Etwas davon finden Sie auf meinem Xing-Profil.

    Nämlich jene, daß sich einfach aktive Leute offen miteinander verknüpfen. Und sich dann mit der Zeit Anregungen und Ideen ergeben und über die Netzwerktechniken ausgetauscht werden.

    Erfahrungen, die Jäger wohl kaum machen.

    Dinge, die beim 'scharfen Blick ins Profil' des Jägers überhaupt nicht sichtbar sind.

    So manch einen der 'Jäger' erlebe ich als äußerst 'giftig'. Und diese enge Suche nach Übereinstimmungen - die erlebe ich als völlig auftrags- und umsatzfixiert.

    In einem Netzwerk geht es zuallererst darum, Anregungen und Ideen auszutauschen. Nicht darum, potentielle Kunden zu jagen.

    Insofern erlebe ich eine Übereinstimmmung zwischen den 'scharfen Jägern' und den wahllosen Sammlern, die auch auf eine Abfrage noch eine Werbemail hinterherschicken.

    Beide betrachten das Ziel als Beute. Wie der Begriff 'Jäger' ja schon sehr treffend beschreibt.

    Viele Grüße
    Jürgen Auer

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  4. Hallo Herr Auer,

    vielen Dank für Ihren Kommentar.

    Nein, ich möchte auch keine Kunden "erlegen". Und der Austausch von Anregungen und Ideen kann durchaus ein Nutzen sein. Insofern greift die Reduzierung auf die Suche nach "Überschneidungen" im Profil - da haben Sie recht - tatsächlich zu kurz.

    Vielleicht ist aber auch der Begriff des "Jägers" im allg. Sprachgebrauch häufig zu negativ belegt ...

    Viele Grüße

    Heiko Stein

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