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Tappen Sie nicht in die Lügen-Erkennungs-Falle

“Note: excessive blinking is NOT a micro expression!” – schrieb Humintell vor ein paar Tagen auf der Facebook-Fanseite. Stimmt. Ein verstärktes Blinzeln, ein häufigerer Lidschlag, ist kein Mikroausdruck und kann folglich auch keiner Gefühlsregung eindeutig zugeschrieben werden. Noch weniger taugt es dazu, jemanden einer Lüge zu überführen. Dennoch hält sich das Gerücht hartnäckig: Wer häufiger blinzelt (sich an die Nase oder ans Ohrläppchen fasst …), der lügt.

Das Blinzeln, also das schnelle Senken und Heben der oberen Augenlider, geschieht automatisch und beim Menschen im Normalfall etwa 10 bis 15 mal in der Minute – in besonderen Situationen auch häufiger oder weniger häufig. Dabei hat der Lidschlag zwei wesentliche Funktionen: er hält die Hornhaut des Auges feucht, indem er sie bei jeder Bewegung mit einem hauchdünnen Tränenfilm benetzt. Wie ein Scheibenwischer sorgt das Augenlid außerdem dafür, dass kleinste Partikel entfernt und über den Tränenkanal „entsorgt“ werden können (Quelle: Wikipedia).

Bei vielen Menschen erhöht sich die Frequenz des Lidschlags unter Anspannung und Stress – na also, könnten Sie jetzt sagen: Wenn jemand lügt, dann ist derjenige angespannt und steht unter Stress. Schließlich muss er genau nachdenken und darf sich keinen Fehler erlauben. Stimmt soweit. Aber nicht nur. Auch andere Faktoren können Stress und Anspannung auslösen.

Lassen Sie mich das an einem konkreten Beispiel zeigen:

Stellen Sie sich vor, Sie seien Präsident (wahlweise Präsidentin) einer der stärksten Nationen der Welt. Vor ein paar Wochen, Monaten hat eine Praktikantin (oder ein Praktikant) bei Ihnen gearbeitet. Und genau die (oder der) behauptet nun, Sie hätten … na, Sie wissen schon. Und es gibt keine Beweise, keine Zeugen – nur zwei Aussagen.

Sie wissen natürlich, dass Sie DAS nicht getan haben. Dennoch kein gutes Gefühl, wenn Aussage gegen Aussage steht, oder?

Das Regieren geht weiter: Pressekonferenzen und öffentliche Auftritte, bei denen Politik fast schon zur Nebensache wird. Das Gerücht schwebt wie ein Damoklesschwert über Ihnen. Und irgendjemand wirft immer irgendwann die Frage in die Runde: Haben Sie …?

Dann die hochnotpeinliche Befragung mit Live-Übertragung im TV und Internet – wer es nicht direkt sieht, kann es sich noch wochen-, monate-, jahrelang online anschauen. Sie kennen die Fragen nicht, aber wissen, was für Sie auf dem Spiel steht: Ihr Ruf, Ihr Familienleben, Ihre Zukunft – einfach alles. Ein falsches Wort, eine zweideutige Geste genügt …

Ich möchte Sie noch einmal daran erinnern: Sie haben NICHT (anders als im bekannten Fall)!

Und? Wie werden Sie sich in dieser Situation verhalten? Sie werden beteuern: „Ich hatte zu keiner Zeit …“ – und dabei werden Sie deutlich häufiger blinzeln als sonst, werden sich an die Nase fassen oder Ihr Ohrläppchen berühren, sich durch die Haare streichen, hinterm Ohr kratzen. Vielleicht haben Sie Ihre Gestik aber auch im Griff – oder glauben das zumindest. Dann liegen Ihre Hände völlig verkrampft auf dem Tisch vor Ihnen oder auf Ihren Oberschenkeln. Auch wenn Sie nicht … Sie wissen schon. Sie werden unter Stress stehen und angespannt sein wie in kaum einer anderen Situation. Und so werden Sie sich auch verhalten: unnatürlich, gestresst oder verkrampft ruhig.

Aber eines tun Sie gerade nicht: lügen, dass sich die Balken biegen.

In der Psychologie haben solche Situationen eine Bezcichnung bekommen: Othello-Effekt.

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