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Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen, nichts tun

Ein schreckliches Video ging in den letzten Tagen durch alle Medien und um die ganze Welt. Das zweijährige Mädchen Yue Yue wird im chinesischen Foshan von zwei Transportern überfahren und schwer verletzt. 18 Passanten gehen bzw. fahren achtlos an ihr vorüber, helfen nicht. Erst eine Müllsammlerin nimmt sich der Kleinen an und holt Hilfe. Zu spät: das Mädchen stirbt an den schweren Verletzungen. In den nationalen und internationalen Medien ähnelt sich der Tenor: Auf der Jagd nach Erfolg und Reichtum bleiben Werte und Moral im wirtschaftlich aufstrebenden China auf der Strecke, soziale Kälte herrscht. Zum Glück ist so etwas in unserer westlichen Welt undenkbar - ist es das wirklich?



Freitag, 13. März 1964. Catherine Genovese, von ihren Freunden Kitty genannt, hat die Nachtschicht in einer Bar hinter sich und befindet sich auf dem Heimweg. Kurz nach 3 Uhr morgens kommt sie in der Nähe ihres Apartments im New Yorker Stadtteil Queens an und steigt aus dem Wagen. Nur wenige Schritte entfernt steht eine Polizeinotrufsäule. Für Kitty ist sie in dieser Nacht unerreichbar. Der psychisch kranke Serientäter Winston Moseley überwältigt die 28-Jährige und sticht mit einem Messer mehrfach auf sie ein. Zweimal lässt der Täter von Kitty ab, weil ihre Schreie Bewohner der umliegenden Apartments wecken, Lichter angehen, Menschen aus den Fenstern schauen. Kitty schleppt sich weiter: erst vor ein Geschäft, dann in den Flur ihres Apartment-Hauses. Immer wieder kehrt Moseley zurück. Erst nach 35 Minuten ist das Martyrium von Catherine Genovese zu Ende. Und erst dann ruft jemand die Polizei.

Wie sich im Zuge der polizeilichen Ermittlungen herausstellte, schauten 38 Menschen tatenlos zu, wie die junge Frau angegriffen, verletzt und schließlich ermordet wurde. Und es waren keineswegs Menschen, für die Werte und Moral keine Bedeutung gehabt hätten. Im Gegenteil: Einige von ihnen waren sogar in sozialen Berufen tätig.

Wie kann es sein, dass einem offensichtlich schwer verletzten Mädchen nicht geholfen wird, dass Kitty unter den Augen von 38 Zeugen sterben muss, dass Menschen (z. B. auf deutschen S- oder U-Bahnhöfen) brutal zusammengeschlagen werden und niemand der Umstehenden eingreift oder Hilfe holt? Sicher ist das poltische System und die wirtschaftliche Entwicklung Chinas ein  Faktor, der das oben geschilderte Geschehen in dieser extremen Ausprägung begünstigt. Als einziger Grund dürfte das jedoch zu kurz greifen. Ausgehend vom Genovese-Fall beschäftigten sich zahlreiche Psychologen mit dem Phänomen der unterlassenen Hilfeleistung. Das Ergebnis ihrer Untersuchungen ist heute als Zuschauer - oder Bystander-Effekt bekannt:
Einzelne Augenzeugen eines Unfalls oder kriminellen Übergriffs greifen mit niedrigerer Wahrscheinlichkeit ein oder helfen, wenn weitere Zuschauer anwesend sind (Quelle: Wikipedia).

Zwei Prozesse spielen beim Bystander-Effekt eine entscheidende Rolle:
  1. Der Einzelne vergleicht sein Verhalten mit dem der anderen Umstehenden und bewertet die Situation: Wenn niemand etwas tut, ist die Situation vermutlich harmlos. Wenn es tatsächlich nötig wäre einzugreifen, würde auch jemand der anderen Umstehenden (oder Passanten) handeln. Da niemand handelt, muss ich auch nicht. Dieser Prozess wird als pluralistische Ignoranz bezeichnet.
  2. Je mehr Umstehende, desto weniger Verantwortung liegt beim Einzelnen. Die Eigenverantwortung für „den ersten Schritt“ sinkt rapide, die Verantwortung zum Handeln wird auf alle Umstehenden „verteilt“ – Verantwortungsdiffusion. Diese kann so weit gehen, dass Verantwortung gedanklich fast vollständig auf andere übertragen wird: Der müsste den ersten Schitt gehen, weil er vor mir da war, kräftiger ist, selbtsbewusster ...

Nun die spannende Frage: Was können wir tun, um die Wirksamkeit des Bystander-Effekts zu miniminieren? Den ersten Schritt haben Sie bereits getan, indem Sie diesen Beitrag gelesen haben, und den Effekt kennen. Den zweiten Schritt können Sie tun, indem Sie andere auf den Bystander-Effekt aufmerksam machen (zum Beispiel durch Empfehlung dieses Beitrags).

Sollten Sie in einer Gefahrensituation selbst einmal den Bystander-Effekt außer Kraft setzen müssen:
  1. Machen Sie unmissverständlich deutlich, dass Sie und welche Hilfe Sie benötigen.
  2. Sprechen Sie dabei einzelne Umstehende gezielt und persönlich an.
  3. Als Umstehender: Machen Sie den ersten Schritt, helfen Sie – und fordern Sie andere Umstehende persönlich und direkt zur Hilfe auf.

Quellen und weitere Informationen:

Zuschauer-Effekt auf Wikipedia
Ich denke, also spinn ich: Warum wir uns oft anders verhalten, als wir wollen
Von Menschen und Ratten: Die berühmten Experimente der Psychologie

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