Rechtschreibung ist Freeware, kein Open Source

"Nach eienr Stidue der Cmabridge Uinverstiaet, ist es eagl in wlehcer Reiehnfogle die Bchustebaen in Woeretrn vokrmomen. Es ist nur withcig, dsas der ertse und lettze Bchusatbe an der ricthgien Stlele snid. Der Rset knan total falcsh sein und man knan es onhe Porbelme leesn. Das ist, wiel das mneschilche Geihrn nciht jeden Bchustbaen liset sodnern das Wrot als gaznes."

Dieser kleine Textabschnitt geistert in verschiedenen Variationen nun schon seit Jahren durch Seminare, Trainings und erreicht über soziale Netzwerke und Mailverteiler täglich neue Leser. Ist das tatsächlich so, dass die Reihenfolge der Buchstaben egal ist?

Ja?

Na dann:
Enie Rketiloaman ist ein meichdünlr oedr streichflichr Adsucurk der Uhrzifiedneneut mit eneim Pudrokt oedr enier Dutnielinstesg von irnenten wie ertexnen Keudnn. Uchresan kenönn tichatsälche Megnäl sien, aebr acuh Mätssvirsessndnie oedr ureistnaschlie Egarrtnuwen. Wir uerntechsdein zewschin breigetchten und ungtierecbhten Raemkoiltanen.
Zum Lesen des korrekten Textes, einer Definition aus einem meiner Seminare, benötige ich etwa 15 bis 20 Sekunden. Wie lange haben Sie gebraucht? Oder haben Sie schon vorher entnervt aufgegeben? Machen Sie sich nichts draus! Denn das, was oben in der Einleitung steht, stimmt nicht so ganz.

Ob es die Studie überhaupt gibt, darf durchaus bezweifelt werden. In welchem Zusammenhang das Zitat auch gebracht wird, nirgends taucht eine nachvollziehbare Quelle auf (zumindest ist mir noch keine untergekommen). Manchmal ist auch nur von einer "englischen Universität" die Rede. Meine Bitte an dieser Stelle: Sollten Sie eine Quelle haben, bitte unbedingt in die Kommentare posten oder mir auf anderem Wege zukommen lassen.

Es sind überwiegend einfache Wörter aus dem normalen Sprachgebrauch gewählt worden, der Zusammenhang ist sinnvoll und erschließt sich sofort beim Lesen. Manchmal sind es auch Silben, die wir erkennen und daraus auf das Wort schließen. Stammen die Wörter nicht aus dem normalen Sprachgebrauch und ist der Zusammenhang nicht auf den ersten Blick zu erkennen, wird es deutlich schwieriger. Als Laie wären wir bei ausgesprochenen Fachtexten nahezu chancenlos, weil unser Gehirn die Wortbilder nicht (er-)kennt.

Was heißt das?

  1. Studien ohne nachvollziehbare Quellenangabe genieße ich mit Vorsicht. Wer weiß, ob es sie tatsächlich gibt und unter welchen Rahmenbedingungen sie durchgeführt wurden. Einer meiner MaFo-/Statistik-Dozenten pflegte zu sagen: "Alles ist möglich. Sagen Sie mir, welches Ergebnis Sie haben wollen. Ich bastle Ihnen die Rahmenbedingungen der Studie so zurecht, dass genau das rauskommt."
  2. Nicht jedes Ergebnis einer Studie lässt sich verallgemeinern und von einem auf alle möglichen Bereiche übertragen. Ausnahmen bestätigen immer die Regel.
  3. Falls Sie immer noch der Meinung ist, dass die Studie existiert, dass das oben genannte Ergebnis uneingeschränkt gilt und man nun schreiben kann, wie man will: Rechtschreibung ist Freeware, kein Open Source. Wir können sie zwar kostenlos benutzen, dürfen sie aber nicht eigenmächtig verändern ;-)

    Ein Nachtrag sei mir noch erlaubt:
  4. Korrekturlesen hilft zwar, nützt aber mitunter nichts. Vor allem bei Texten, die man selbst verfasst hat, stolpert das Gehirn über die Erkennung des Wortbilds unabhängig von der Reihenfolge der Buchstaben. Felher werden überlesen, weil das Wort-/Satzbild bekannt ist.

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