Donnerstag, 26. September 2013

Authentisch ist das neue Nett

Früher fand man sich nett: Die Mutter fand den Schwiegersohn in spe nett. Die Fans fanden ihren TV-Star nett. Der Handwerker, der Handelsvertreter, die  Verkäuferin, die Bedienung … alle waren entweder nett oder eben nicht. Eine tolle Zeit, so schön einfach. Damals. Heute ist das anders. Nett mutierte umgangssprachlich zum "kleinen Bruder von Sch****" und bekam damit den Status eines Schimpfworts zuerkannt. Niemand will mehr nett, alle wollen nur noch eins sein:
 
authentisch!
Seien Sie authentisch und Sie werden erfolgreich!
Seien Sie authentisch und Sie bekommen neue Kunden!
Seien Sie authentisch und Sie haben keine Sorgen mehr!
Seien Sie authentisch und alles wird gut!
So verwundert es kaum noch, dass man mittlerweile in Seminaren lernen kann, authentisch zu führen, authentisch zu verkaufen, authentisch zu sein. Paradox: Von anderen lernen, ich selbst zu sein? Bin ich noch authentisch, wenn ich mich bewusst bemühe, etwas authentisch zu tun?

Gleichzeitig wird Authentizität zur Generalvollmacht. Unfreundlichkeit, Arroganz, Gleichgültigkeit, schlechte Laune? Na und, dafür bin ich authentisch! Bei nicht so positiven Charaktereigenschaften des Gegenübers hört dann aber auch bei den Verfechtern authentischen Verhaltens der Spaß auf. Ich habe bei einem Wutanfall eines Cholerikers noch nie jemanden zustimmend sagen hören: "Der ist aber authentisch." Da gibt's dann eher offenen Widerstand oder das "Der spinnt doch"-Getuschel hinterm Rücken. Die schlecht gelaunte Bedienung im Restaurant, der arrogante Verhandlungspartner und der ständig zu spät ins Meeting kommende Kollege gelten, wenn das Verhalten den eigenen Ansprüchen und Erwartungen nicht entspricht, überhaupt nicht als authentisch nett.

Sie merken schon, ich glaube nicht an das "Lasst uns authentisch sein und alles wird gut"-Versprechen. Authentizität ist nicht immer jedermanns Sache, freundlich und respektvoll schon. Oder einfach: nett.

Foto: clipdealer.de


Kommentare:

  1. Guten Morgen, Herr Stein!
    Vielen Dank für Ihre klaren Wort! Sie sprechen mir damit aus der Seele.
    Wobei, "authentisch führen" mit "nett führen" auch nicht ganz stimmig ist. Vielleicht kommt in einigen Situationen das Wort "wertschätzend" dem am Nächsten, was ursprünglich der Wunsch und die Sehnsucht Vieler ist, wenn sie sich "Authentizität" wünschen.
    Seien Sie herzlich gegrüßt,
    Barbara Simonsen
    info@simonsen-management.de

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    1. Hallo Frau Simonsen,
      herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Natürlich ist "authentisch führen" und "nett führen" nicht ganz stimmig. Da musste die Stimmigkeit zugunsten einer "spitzen" Formulierung etwas zurücktreten. ;-)
      Beste Grüße
      Heiko Stein

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