Trau, schau, wem! oder: Wie man sich eine Umfrage bastelt

Bloß gut, dass ich nicht in Ulm, um Ulm und um Ulm herum lebe. Sondern doch ein bisschen weiter weg. Denn was ich von dort lese, ist ja wirklich … noch dazu im konservativen Baden-Württemberg. 61 Prozent Prozent der Männer aus Ulm und Umgebung haben zugegeben, Ihre Partnerin schon einmal betrogen zu haben. Noch schlimmer die Frauen: 69,6 Prozent gestanden einen Seitensprung, zitiert die Schwäbische Zeitung eine Umfrage des Radiosenders Donau 3 FM. Umfragen sind eine geniale Sache, die bringen richtig Publicity. Und Hörer. Und Leser. Und Diskussionen. Und die bringen wieder Publicity. Und …

"Hätte ich auch gern", sagen Sie jetzt? Wenn Sie sich ebenfalls eine tolle Umfrage basteln wollen, die Sie in die Medien katapultiert (oder mit der Sie irgend etwas Absurdes begründen und wilde Diskussionen anzetteln wollen), hier ein paar ultimative Tipps:

1. Polarisieren Sie!
Wählen Sie ein Thema, das polarisiert oder völlig extreme Ergebnisse erwarten lässt. Je absurder, ausgefallener, gegen Normen und Werte verstoßende Ergebnisse, desto größer die Chance, in die Medien  und ins Gespräch zu kommen. "98,8 % aller Hunde könnten sich unter bestimmten Bedingungen vorstellen, einen Menschen zu beißen", ist total langweilig. "Jeder zweite Mann beißt notfalls einen Hund", klingt schon besser. Das Ganze dann noch hübsch als "die ungeschönte Wahrheit" verpacken und der Siegeszug Ihrer gewonnenen Einblicke in die Tiefen der menschlichen Psyche ist vorprogrammiert.

2. Verschleiern Sie!

Es kann Ihnen völlig schnuppe sein, wen Sie wie befragen. Das muss nicht zwingend irgend jemand bis ins kleinste Detail wissen. Hauptsache, es sind viele*. Je größer die Zahl der Befragten, desto glaubhafter die Umfrageergebnisse. Repräsentativität und Validität werden deutlich überbewertet**.
Notfalls helfen Sie mit einer Gewinnmöglichkeit für die Teilnehmer nach. Gerade bei polarisierenden Befragungen können Selbstselektion der Teilnehmer via Internet und die Möglichkeit der Mehrfachteilnahme bzw. Verschleierung der eigenen Identität zu beachtlichen Ergebnissen führen.

*) Wenn Sie nur weniger Teilnehmer haben, operieren Sie in der Präsentation der Ergebnisse am besten mit Prozentwerten. Die Zahl der Teilnehmer nennen Sie irgendwo im Klitzekleingedruckten, etwa so:
**) Ergebnis einer spontanen Befragung*** von zwei gerade anwesenden Personen
***) repräsentativ für die befragten Personen****
****) nicht repräsentativ für alle anderen möglichen Konstruktionen. Leider. Aber das können Sie eh kaum noch lesen.

3. Verallgemeinern Sie!
Verallgemeinern Sie. Und zwar gnadenlos. Natürlich nicht, um die Ergebnisse zu verfälschen. Sie tun das der Verständlichkeit wegen. Wer möchte schon ständig Formulierungen lesen wie "x Prozent der nicht repräsentativ befragten Männer ..." bzw. "der männlichen Umfrageteilnehmer der nicht repräsentativen Stichprobe". Also: X Prozent aller Männer, Deutschen, der Weltbevölkerung.

4. Verwissenschaftlichen Sie!
Ziehen Sie einen Experten zurate. Nein, nicht beim Umfragedesign. Und auch nicht im Rahmen einer Bewertung der gesamten Umfrage. Das könnte all Ihre bisherige Arbeit zunichte machen! Lassen Sie den Experten einzelne Aussagen kommentieren. Oder stellen Sie weitergehende Fragen, die er beantwortet. Die streuen Sie dann in die Ergebnisse ein. Allein die gefühlte Anwesenheit eines Experten lässt Ihre Umfrage in einem ganz anderen, hoch wissenschaftlichen Licht erscheinen.


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