Quäl Dich, Du Sau!

Oktober 2012, Karate-Akademie beim KJC Ravensburg. Montag bis Freitag, drei Trainingseinheiten pro Tag als Vorbereitung auf die Dan-Prüfung im November letzten Jahres. Perfekter Zeitplan, wenn alles gut geht. Ende der zweiten Trainingseinheit am ersten Tag: Kumite (der Freikampf). Wir (also mein Gegner und ich) sind wohl beide nicht mehr so konzentriert, haben aber eine ähnliche Idee. Unsere Fußtritte treffen sich, sein Schienbein auf meine Wade. Schmerz lass nach … lässt er aber nicht. Auch eine Stunde später ist mein Wadenmuskel noch hart wie Beton. Was jetzt?

Der innere Schweinehund meldet sich prompt: "Lass es sein, mach Dir eine lockere Woche, Prüfung geht auch nächstes Jahr noch. Bei den Schmerzen … " Wie bitte? Die Vorbereitung bis jetzt, umsonst? Wieder Minimum ein halbes Jahr warten? Ich nehme ihn mir gedanklich zur Seite und raunze ihn an: "Quäl Dich, Du Sau!"*

Macht er dann auch. Die ganze Woche lang.
  • Nein, ich werde nicht von heute auf morgen ein anderer Mensch, nur weil mir das irgendjemand in einem teuren Motivations-Seminar sagt.
  • Nein, Erfolg kommt nicht über Nacht, von ganz allein, ohne Anstrengung, nur weil ich irgendein Buch lese oder Webinar besuche.
  • Nein, Veränderungen sind nicht leicht, es ist nicht alles ganz einfach, nur weil ich fest daran glaube, die Arme nach oben reiße und "Tschakaa" rufe.
Es ist wie bei einem Muskel, der stärker oder schneller werden soll: Er braucht Trainingsimpulse, die über die normale Beanspruchung hinausgehen. Grenzerfahrungen, die ihn nicht komplett überfordern. Für eine neue Qualität müssen Sie sich hin und wieder quälen, physisch oder psychisch. Das fällt mal mehr, mal weniger leicht. Erfolg braucht Fleiß, Disziplin und Tatkraft, Veränderungen brauchen einen starken Willen und Durchhaltevermögen. Manchmal auch Leidensfähigkeit. Und irgendwann kommt der innere Schweinehund und flüstert: "Lass gut sein, wozu das alles, bisher ging es doch auch ganz gut."

Dann sagen Sie zu sich und ihm leise, aber deutlich: "Quäl Dich, Du Sau!"

*) Mit dem Satz "Quäl Dich, Du Sau!" soll Radprofi Udo Bölz seinen Teamkapitän Jan Ullrich auf der 18. Etappe der Tour de France 1997 angefeuert haben, als dieser in den Vogesen schwächelte. Ullrich gewann die Tour, der Satz wurde zum geflügelten Wort nicht nur in der Radsport-Szene.

Foto: Smileus/clipdealer.de

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