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Vergessen Sie's*: Schluss mit diesen Denk- und Lernmythen!

Sie begegnen mir und Ihnen auf Schritt und Tritt: Mythen, die zwar längst widerlegt sind, sich aber immer noch hartnäckig halten und fleißig weiter übermittelt werden. Nach den zehn größten Irrtümern im Vertrieb und den fünf populären Irrtümern der Körpersprache begegnen mir als Trainer und Coach immer wieder Glaubenssätze in Sachen Denken und Lernen. Die klingen zwar logisch und einprägsam, stimmen aber trotzdem nicht. Also: Vergessen Sie's – Schluss mit diesen Denk- und Lernmythen!

Mythos 1:
Rechtshirner sind kreativ, Linkshirner analytisch

Unser Großhirn hat zwei Hälften, wovon die rechte fürs Kreative, die Linke fürs Analytische zuständig ist. Und viele von uns nutzen die eine Seite mehr als die andere. Das erklärt, wie wir "ticken". Das klingt logisch, man kann einprägsame Schaubildchen dazu gestalten und alles Mögliche damit erklären oder begründen. Und trotzdem ist es falsch.
Ja: Verschiedene Bereiche unseres Gehirns werden bei unterschiedlichen Aufgaben stärker aktiviert.
Ja: Es gibt durchaus unterschiedliche Ausprägungen in Kreativität oder analytischem Denken.
Nein: Nicht das eine sitzt rechts und das andere links.
Nein: Wir nutzen (im gesunden Gehirn) nicht eine Seite intensiver als die andere.

Sie glauben mir nicht? Dann steigen Sie hier, hier oder hier tiefer ins Thema ein:

Mythos 2:
Unser Gehirn kann kein "nicht" oder "kein" denken

Wenn Sie meinen Blog schon eine Weile lesen, werden Sie gleich denken: "Moment, der hat doch selbst schon …" Ich weiß, was jetzt kommt:

Denken Sie jetzt nicht an einen roten Affen.

Was haben Sie gerade vor Ihrem geistigen Auge gesehen? Einen  roten Affen vermutlich …

Aber soll das der Beweis sein, dass unser Gehirn kein "nicht" denken kann? Wenn das tatsächlich so wäre, wären wir alle ziemlich fremdgesteuert und vollständig abhängig von äußeren Einflüssen. Aber was passiert da in unserem Kopf? Lassen Sie es mich an einem Beispiel erklären.

Sie gehen gerade spazieren und denken an nichts böses. Plötzlich kommt auf dem Grundstück, an dem Sie gerade vorbeigehen, ein großer, wild bellender Hund auf Sie zugestürmt. Sie zucken zusammen und gehen einen Schritt zur Seite. Ihr Körper schüttet massenweise Stresshormone aus. Sie werden kreidebleich und Ihre Hände kalt, weil Ihr Körper Blut aus der Peripherie abzieht und damit die großen Muskeln der Arme und Beine versorgt. Ihre Schultern sind leicht nach oben gezogen, Ihre Rumpfmuskulatur angespannt. Die Verdauung wird eingestellt … Gefahr! Kampf oder Flucht? Das ganze dauert nur Sekundenbruchteile.

Inzwischen kommen auch die etwas langsamer ablaufenden Abstraktionsprozesse im Gehirn zu einem Ergebnis: "Da ist ein Zaun. Er ist hoch genug, dass der Hund nicht darüber kann. Tor und Tür zum Grundstück sind geschlossen. Keine Gefahr! Entspann Dich." Sie gehen weiter. Der Hund wild kläffend neben Ihnen her. Sie sehen: Unser Gehirn kann wohl "nein", "nicht" oder "kein" denken. Aber es braucht eine Abstraktionsstufe, die uns vor Schaden bewahrt, falls Gefahr droht.

Übrigens: Je öfter Sie an den Grundstück vorbei gehen, um entspannter werden Sie. Weil sich Ihr Gehirn merkt: Keine Gefahr! Aber Achtung! Der Lerneffekt beim Hund ist ein anderer. "Wenn ich laut und wild genug kläffe, kann ich jeden von unserem Revier verjagen." Er wird also wiederkommen …

Mythos 3:
Wir behalten …

10 Prozent von dem, was wir lesen,
20 Prozent von dem, was wir hören,
30 Prozent von dem, was wir sehen,
50 Prozent von dem, was wir hören und sehen,
70 Prozent von dem, was wir selber sagen,
90 Prozent von dem, was wir selber tun,
95 Prozent von dem, was wir anderen beibringen.


Ich weiß, das klingt toll. So toll, dass selbst Lehrer, Berater, Trainer, Coaches, Führungskräfte … diese sogenannte Behaltensrate immer wieder so oder mit variierenden Inhalten und Prozentangaben (vermutlich je nach Herkunft und Zweck) runterbeten und alle möglichen Lern- und/oder Lehrformen damit rechtfertigen. Das macht sie aber nicht wahr.

Ich persönlich wäre ziemlich deprimiert, wenn ich nur 10 Prozent von dem, was ich lese, behalten würde. Und selbst mit hören und sehen käme ich nur auf die Hälfte. Schlimm, oder? Überhaupt: Für eine wissenschaftliche Aussage sind mir die Zahlen verdächtig rund und einprägsam. Für so etwas komplexes wie Lernprozesse ist mir dieser schökellose Behaltenszuwachs zu einfach. Und der Bildungsforscher John Hattie hätte sich seine umfangreiche Metastudie sicher gespart, wenn die Faktoren für erfolgreiches Lernen derart offen auf der Hand liegen würden.

Aber woher  kommt dieser Mythos? Er geht zurück auf die von Edgar Dale entwickelte "Cone of Experience". Allerdings: Schon die beruhte nicht auf wissenschaftlichen Untersuchungen, sondern hatte eher symbolischen Charakter. Auch machte Dale keine quantitativen Aussagen in Form von Prozentangaben. Die schüttelte ein paar Jahrzehnte später jemand anderes aus dem Ärmel und ein Dritter brachte zusammen, was nicht zusammen gehört. Wenn Sie da näher einsteigen wollen, empfehle ich Ihnen diesen Artikel oder diesen hier.

Nein, das Internet ist nicht Schuld an der Entstehung dieser Mythen. Aber durch das Internet ist es so herrlich einfach geworden, Mythen mit kleinen Schaubildchen und einfachen Erklärungen am Leben zu erhalten und einer Vielzahl von Menschen zugänglich zu machen, die sie weiter verbreiten …

Aber denken Sie daran, was schon Sigmund Freud sagte: "Glauben Sie nicht alles, was im Internet steht. Es sein denn, es ist ein Zitat einer berühmten Persönlichkeit und ihr Porträt ist daneben abgebildet." ;-)

*) Natürlich, auch das ist Nonsens: Bewusstes Vergessen-Wollen funktioniert nicht.

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