Gute Grafik, schlechte Grafik: Lesen Sie das Kleingedruckte!

Es gibt gute Grafiken, die veranschaulichen, was in Zahlen nur schwer zu verstehen ist. Es gibt mittelmäßige Grafiken, die taugen als Hingucker, machen die Inhalte aber nicht viel verständlicher. Und es gibt schlechte Grafiken, die gaukeln dem Betrachter ein falsches Bild vor und (ver)führen zu falschen Schlussfolgerungen. An solch eine ist Karriereexperten-Kollegin Svenja Hofert geraten, als sie die Broschüre "Gute Bildung - gute Chancen, Der Arbeitsmarkt für Akademikerinnen und Akademiker in Deutschland" der Bundesagentur für Arbeit in die Hand bekam und darüber bloggte.

Mehr Stellen für Geisteswissenschaftler und weniger für Ingenieure? Mehr Stellenzugänge für Geisteswissenschaftler und weniger für Ingenieure? Doch kein Ingenieursmangel, dafür ein Licht am Ende des Tunnels für arbeitslose Geisteswissenschaftler? Müssen wir uns gar Sorgen machen, bald einen existenziellen Geisteswissenschaftler-Mangel zu haben?

Wenn Sie darauf eine Antwort erwarten: Ich habe keine. Und die Grafik auf Seite 25 des genannten Berichts auch nicht. Denn die verwirrt mehr als sie aufklärt:


Bei oberflächlicher Betrachtung müsste man wohl jedem zu einem Studium in den Bereichen Geistes- und Gesellschaftswissenschaften raten. Oder ergreifen Sie einen Beruf in Richtung Redaktion, Journalismus und Verlagswesen. Finger weg von Medizin, Ingenieurwesen und Naturwissenschaften. Das Ganze mit "Tendenziell Stellenzuwächse in akademischen Berufen" überschrieben und die falsch verstandene Botschaft ist gemacht. Im Kleingedruckten liest man, dass es um die Veränderung der Jahressumme des Zugangs gemeldeter Stellen geht. Ein Vergleich der Berufsfelder untereinander ist also völlig unsinnig. Genauso unsinnig wie Prozentwerte, wenn man den Grundwert nicht kennt. Der übrigens ist der Zugang gemeldeter Stellen im Jahr 2007, dem Jahr vor der Finanzkrise. Um die Informationen besser einordnen zu können, hilft eine Grafik auf Seite 24 des Berichts:


Die Jahressumme an Zugängen der gemeldeten Stellen mit Prozent im Vergleich nicht zu 2007, sondern zum Vorjahr. Zwar gingen die offenen Ingenieurstellen auch hier deutlich zurück, liegen aber immer noch auf einem hohen Niveau. Medizinerstellen sind leicht rückläufig, stagnieren nahezu. Stellen für Geisteswissenschaftler? Rückläufig! Redaktion, Journalismus, Verlagswesen? Rückläufig! Und schaut man sich die Zahlenwerte an, relativiert sich auch die Größenordnung der prozentualen Zuwächse aus der oberen Grafik: Selbst ein prozentual hoher Zuwachs von wenig bleibt wenig. Oder andersrum: Schon eine handvoll neuer Stellen bringt ordentlich Prozente. Am Ende bleibt ein Minus an Stellenzugängen in akademischen Berufen im Vergleich 2013 zum Vorjahr. Ob man vor diesem Hintergrund im Bezug von 2013 zu 2007 von "Tendenziellen Stellenzuwächsen" sprechen kann, ist mindestens fraglich.

Die Grafiken veranschaulichen nackte Zahlen. Viele Hintergründe zur Interpretation der Grafiken finden sich im begleitenden Text der Broschüre. Die Grafiken sind sicher erstellt worden, um Zusammenhänge visuell darzustellen und besser begreifbar zu machen. Und nicht, um bewusst ein falsches Bild zu erzeugen. Allerdings provozieren sie manchmal geradezu eine Fehlinterpretation.

Mein Tipp: Geben Sie sich nicht mit Grafiken zufrieden. Schauen Sie genau hin, wenn Ihnen mal wieder jemand eine toll bebilderte Studie oder Statistik unter die Nase hält. Mancher grafische Aha-Effekt entpuppt sich bei näherer Betrachtung der Fakten als Fehlinterpretation oder optische Illusion. Mitunter auch als bewusste Täuschung. Wie einfach das funktionieren kann, zeige ich Ihnen in diesem Beitrag.

Quelle der Grafiken:
Bundesagentur für Arbeit: Gute Bildung - gute Chancen, Der Arbeitsmarkt für Akademikerinnen und Akademiker in Deutschland, Nürnberg 2013

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