Mittwoch, 20. Mai 2015

Ihr Urteil: normal oder schuldig?


Ich bin kein Fan von Typologien. Im Gegenteil. Zu leicht führen sie zu simplem Schubladendenken, aus dem es für den Einzelnen kaum ein Entrinnen gibt. Manchmal wünsche ich mir jedoch, wir würden wenigstens noch nach Rot, Grün, Gelb oder Blau unterscheiden. So wenig hilfreich das am Ende auch sein mag. Wir müssten uns wenigstens mit dem Anderen auseinandersetzen. Stattdessen schaffen wir uns eine immer einfachere Vorstellung von dem, was um uns herum passiert. Unabhängig davon, wie komplex das sein mag.

Nicht 64, 16, acht oder magere vier Typen ‒ uns genügen oft schon zwei. Und die so simpel und polarisierend, dass wir möglichst schnell (ver-)urteilen können: die Guten und die Schuldigen. Es geht eben nichts über ein ordentliches Feindbild.
Die Guten und die BWLer
Zwar erklärt Gunter Dueck (den ich sehr schätze, seine Topothesie - Amazon.de-Partnerlink hat mein Menschenbild nachhaltig geprägt) am Ende seines Vortrags "Schwarmdumm" auf der republika15, dass alles ziemlich kompliziert und Lösungen nicht einfach seien. Zwar macht er deutlich darauf aufmerksam, dass Korrelation etwas ganz anderes ist als Kausalität. Aber da haben sich die anschaulich präsentierte Ursache und die einfache Lösung des Auslastungsproblems längst den Weg ins Gehirn des Publikums gebahnt.

Zum Problem wird die Frage der optimalen Auslastung nämlich, weil in Unternehmen nicht die (normalen und intelligenten ‒ Anm. des Autors) Menschen wie Ingenieure und Mathematiker, sondern die (dummen ‒ Anm. des Autors) BWLer das Sagen haben. Weil letztere optimal und maximal verwechseln und die einfache mathematische Warteschlangen-Formel nicht kennen. Oder nicht kennen wollen. Und die Lösung wäre so einfach. Wenn nur … Ursache, Wirkung.

Nein: (Schwarm-)Dumm ist nicht berufsabhängig. (Schwarm-)Dummheit existiert auch dort, wo es keine BWLer gibt. Dummes Verhalten hat so rein gar nichts mit einer Profession zu tun und ist unabhängig von anderen Persönlichkeitsmerkmalen und Charaktereigenschaften.

Anderes Beispiel, andere Beteiligte:
Die Guten und die Psychopathen
Die Psychopathen sind unter uns. Meistens in Haft- oder psychiatrischen Anstalten. Auch in Chefetagen sollen mehr Psychopathen zu finden sein als im Bevölkerungsdurchschnitt. Ein Facebook-Post aus meinem Netzwerk bringt ein Video zu diesem Thema mit den Namen zweier deutscher Konzernlenker in Zusammenhang. Immerhin: Bis zu sechs Prozent der CEOs seien astreine Psychopathen, hätten Studien ergeben. Mit der einen hat sich Kollege Markus Väth bereits intensiv auseinandergesetzt. Die in diesem Artikel erwähnte Untersuchung basiert auf Selbstselektion und Selbstbeurteilung. Keine optimale Datenbasis für eine Verallgemeinerung. Macht nichts, wir tun es trotzdem.

Das praktische an dieser Einteilung: Wir brauchen keine Diagnostik und keine Untersuchung, keine Feststellung der Ausprägung von Persönlichkeitsmerkmalen. Wir brauchen nicht einmal eine Selbstbeurteilung des Betreffenden. Uns genügt eine Schlagzeile, in der man uns sagt, was wir (auch über unseren Boss?) ohnehin vermutet haben. Zusammen mit dem blitzlichtartig wahrgenommenen Verhaltens eines CEOs, den wir sonst kaum kennen, urteilen wir: ein Psychopath, zumindest ziemlich nah dran. Klarer Fall.
"Dumm ist man nicht, Dummes tut man."
Frei nach Forrest Gump
In seinem o. g. Vortrag bezieht sich Dueck auf die "Prinzipien der Dummheit" von Carlo M. Cipolla. Dumme seien demnach die Menschen, die anderen schaden, ohne selbst einen Gewinn daraus zu ziehen. Banditen schaden anderen für eigenen Gewinn. Intelligente nutzen sich selbst und anderen (win-win). Die Naiven stiften zwar anderen Nutzen, haben aber selbst nichts davon. Wer weder für sich noch für andere etwas zustande bringt, ist ein Hilfloser und Ineffektiver.

Nun wissen Sie bereits, dass ich Typologien für wenig brauchbar halte. Diese schon deswegen, weil Sie Menschen bewertet. Niemand hingegen handelt ausschließlich klug oder ausschließlich dumm. Niemand ist vor eigenem dummem Verhalten gefeit. Nützlich können die Kategorien jedoch genau dabei sein: eigenes Verhalten abzuwägen.

Wem nützt es, wem schadet es …
  • wenn ich behaupte, dass die BWLer an dieser Misere Schuld sind?
  • wenn ich Verkäufer als Banditen bezeichne, die anderen ‒ den Kunden nämlich ‒ etwas wegnehmen wollen?
  • wenn mir die leicht zuzuordnenden Nonmention-Tweets gegen den Strich gehen und ich mich aber selbst zu diesem

    hinreißen lasse?
  • wenn ich das CEO-Psychopathen-Video in einem Facebook-Post in Zusammenhang mit den Namen zweier deutscher Konzernlenker bringe?
  • wenn …
Eben: Oft genug nützt es niemandem und schadet anderen.
Dumm gelaufen.
Wir hinterfragen wenig. Wir urteilen schnell. Oft gnadenlos. Und tun unseren Urteilsspruch öffentlich kund.

Dabei denken wir wenig darüber nach:
  • Wem nützt und wem schadet es, wenn ich ein Urteil über jemanden oder etwas fälle? 
  • Wem nützt und wem schadet es, wenn ich dieses (Vor-)Urteil öffentlich verbreite?
Danke, Gunter Dueck. Für den Impuls, diese beiden Fragen wieder häufiger zu stellen.

Nun ist der Beitrag fertig und ich überlege ernsthaft, ob ich ihn überhaupt veröffentlichen soll. Wäre das klug oder dumm? Nützt oder schadet es? Und wem?

Ich bin hin- und hergerissen.

Ach, seis drum … am besten, Sie urteilen selbst.

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