Eine Frage, die mir so noch nie gestellt wurde und die ich gerade aus diesem Grund beantworte


Die Frage treibt mich schon länger um. Weil sie sich aufdrängt. Nicht mir, Ihnen. Eher nicht, wenn Sie mich bereits persönlich kennen.  Aber vermutlich, wenn Sie über meinen Blog auf mich aufmerksam werden. Wenn Sie sich hier erst einmal umschauen, was ich denn für einer bin. Und dann Kontakt aufnehmen – oder auch nicht.

Vielleicht denkt sich der eine oder andere die Frage. Vielleicht war der Gedanke dahinter sogar der entscheidende Grund, von einem Kontakt abzusehen. Gestellt wurde sie mir jedoch bislang nicht. Und genau aus diesem Grund werde ich sie heute beantworten.

So könnte die Frage lauten:
"Ich habe mich jetzt ein wenig hier umgesehen. Da sind ein paar Sachen, die für ein mulmiges Gefühl sorgen. Die Geschichte mit den Lügen zum Beispiel. Auch diese ganzen miesen Verhandlungstricks, die manipulativen Verkäufersprüche und die Angebots-Psychospielchen, die sie beschreiben.

Und sie kennen bestimmt noch mehr.


Wer garantiert mir, dass mich so etwas nicht auch erwartet? Was sollte sie daran hindern, mit Ihren Interessenten und Kunden genauso umzugehen? Vielleicht so geschickt, dass ich es nicht einmal bemerke? Wo sie all die Dinge doch offensichtlich beherrschen …"

Und: Was hätte ich davon?


Früher oder später würden Sie von meinen Spielchen Wind bekommen. Sie wären zu Recht enttäuscht, weil ich nicht das lebe, was ich sage. Unsere Kundenbeziehung bekäme einen ordentlichen Knacks, mit großer Wahrscheinlichkeit hätte ich einen Kunden weniger.
"Aber dann haben sie mit mir schon ordentlich Kasse gemacht",
könnten Sie jetzt argumentieren.

Ein berechtiger Einwand.


Vielleicht überzeugt Sie die zweite Antwort, für die ich etwas weiter ausholen muss:

Ich weiß nicht, ob es ein Film oder eine Reportage war, die den ersten Impuls gab. Irgendetwas weckte im Alter von 12, 13 Jahren mein Interesse an den asiatischen Kampfsportarten. Kung Fu, Wushu, Taekwondo, Karate – Ziegel und Bretter zerschlagen, sich immer verteidigen können (auch wenn ich es nie musste), die ultimative Kampftechnik beherrschen. So faszinierend. Und doch so weit weg.

Die Faszination blieb. Während des Studiums ging ich meine ersten ernsthaften Karateschritte. Als Schüler standen im Training rein sportliche, technische Aspekte im Vordergrund. Ans Zerschlagen von Brettern und Ziegeln war nicht zu denken, aber die "Geheimtechniken" (falls Sie die Kill Bill-Reihe kennen, haben Sie sicher schon etwas von der "Fünf-Punkte-Pressur-Herzexplosions-Technik" gehört) hatten nichts von ihrer Faszination verloren. Gibt es die? Kann man die lernen?

Wer es will, kann es nicht.


Das ist jetzt mehr als 20 Jahre her. Der damalige Weißgurt trägt inzwischen den Kuro Obi, den Schwarzen Gürtel. Und ist vom Status eines Sensei (Meisters) dennoch ein gutes Stück entfernt. Und die ultimativen Geheimtechniken? Die gibt es nicht. Beschäftigt man sich nicht nur mit den sportlichen, sondern auch mit den historischen und philosophischen Aspekten der Kampfkünste, stößt man jedoch auf das Prinzip Ikken Hissatsu.

Ursprünglich wurden die Kampfkünste zur Selbstverteidigung im Kampf auf Leben und Tod entwickelt. Aus dieser Zeit stammt auch die (ausgesprochen martialische) Bedeutung des Ikken Hissatsu: mit einem Schlag töten. Mit Geheimtechniken hat das jedoch wenig zu tun. Eher mit jahre- oder besser jahrzehntelangem Training und intensiver Erfahrung. Genau zu wissen, wie welche Technik wirkt. In welcher Situation, bei welchem Gegner.

Wer es kann, will es nicht.


Allerdings: Wer das perfekt beherrscht, braucht es nicht mehr. Das Repertoire, einer drohenden Situation ein Ende zu bereiten, hat sich auf dem Weg zum Sensei vervielfacht. Und beginnt schon damit, sich gar nicht erst in eine solche Situation zu begeben bzw. ihr aus dem Weg zu gehen. Oder sie zu beenden, ohne den Gegner ernsthaft, gar lebensgefährlich zu verletzen.

Der Anfänger, auf der Suche nach Geheimtechniken, beherrscht die Kampfkunst nicht. Er will Ikken Hissatsu können, kann es aber nicht.

Der Meister, der Ikken Hissatsu beherrscht, braucht, nutzt und will es nicht.

So ähnlich ist es mit den miesen Verkaufs- und Verhandlungstricks:

Wer miese Tricks braucht, kann nicht verkaufen und verhandeln.
Gute Verkäufer und Verhandler kennen zwar all die miesen Tricks, brauchen Sie aber nicht. Weil sie auf Augenhöhe mit Kunden und Verhandlungspartnern umgehen.

Kommentare:

  1. Ich klatsche Beifall für diese Weisheit. So(o) richtig.

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    1. Vielen Dank, für Ihren Kommentar, Herr Kopitzke. Die Meister der Kampfkünste haben uns tatsächlich jede Menge Weisheiten hinterlassen,die wir ins tägliche Leben übertragen können. Über Bücher, Seminare wie "Kung Fu für Manager" oder "Aikido-Verhandlungstechniken" erschließen sich diese jedoch nur sehr oberflächlich. Das eigene Training als Basis und die Auseinandersetzung mit Philosophie und Geschichte erlauben deutlich tiefere Einblicke.
      Oder, wie Sensei Funakoshi Gichin es in den zwanzig Shōtō-Niju-Kun treffend formulierte:
      Verbinde dein alltägliches Leben mit Karate, das ist der Zauber der Kunst.

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