Dienstag, 12. Januar 2016

Macht mehr Fehler: Weil Scheitern so schön ist?


Donnern Sie gelegentlich bei Rot über die Kreuzung? Oder brettern mit 120 Sachen durch die belebte Innenstadt? Balancieren Sie 15 Meter über dem Abgrund auf einem schmalen Brückengeländer? Ziehen Sie Ihre Verhandlungspartner regelmäßig gehörig über Tisch? Hinterziehen Sie Steuern? Manipulieren Sie Abgaswerte? Ist Ihnen der versemmelte Kundentermin so richtig egal?

Ja? Klasse, dann sind Sie ja in bester Gesellschaft. Schließlich ist Fehler machen en vogue und Scheitern neuerdings so richtig schick. Macht mehr Fehler und entdeckt die Lust am Scheitern! Dann werdet Ihr auch richtig erfolgreich!

Die (Schein-)Beweise sind rasch geliefert: 
Ein "Wichtige Entdeckungen in der Menschheitsgeschichte sind durch Fehler entstanden." wird von einem Porträt samt Zitat Thomas Alva Edisons flankiert.

"Scheitern eröffnet völlig neue Sichtweisen, erweitert den Horizont." Für diese Erkenntnis dient die eigene Lebensgeschichte als Präzedenzfall oder werden Anekdoten mehr oder minder bekannter Persönlichkeiten und Unternehmen präsentiert.

"Erfolgreiche Unternehmer haben eine wichtige Gemeinsamkeit: Sie sind mindestens einmal gescheitert.", verkündet eine Untersuchung.

Und selbst?

So überzeugend das verkündet wird, so viel Mühe gibt man sich gleichzeitig, genau das nicht zu tun: Fehler zu machen und (noch einmal?) zu scheitern. Alles wirkt perfekt, auf Hochglanz poliert. Jedes Wort stimmt, jede Pointe sitzt. Kein Fehler weit und breit. Nicht einmal ein absichtlicher. Aber warum? Wo es so lustvoll sein soll, ins Fettnäpfchen zu hüpfen? So lehrreich, richtig viele Fehler zu machen?

Nein. 

Edison hat keineswegs bewusst Fehler gemacht. Er hat sich geirrt, ist von falschen Annahmen ausgegangen, war gelegentlich auf dem Holzweg. Und hat sich garantiert hin und wieder darüber geärgert. Aber er hatte sein Ziel fest vor Augen und hat beharrlich darauf hingearbeitet. In der festen Überzeugung, das Richtige zu tun.

Ohne Scheitern kein Vorankommen? Das kann gut sein, muss aber nicht. Neue Sichtweisen und Horizonterweiterung sind nicht zwingend an ein vorheriges Scheitern gebunden. Manchmal hilft ein simples Hinterfragen oder ein ordentlicher Perspektivwechsel. Genau das passiert nämlich nach einem gepflegten Scheitern. Nur nicht ganz freiwillig, sondern unter erheblichem Leidensdruck.

Und die erfolgreichen Unternehmer? Mag sein, dass viele von denen mindestens einmal gescheitert sind. Das heißt aber noch lange nicht, dass es nicht auch ohne ginge. Und es heißt gleich gar nicht, dass aus dem Gescheiterten zwingend ein erfolgreicher Unternehmer wird. Schließlich steigt nicht aus jeder Asche ein Phoenix hervor. Manchmal bleibt es einfach Asche.

Willkommen in der Realität

Scheitern ist doof bis katastrophal und Fehler sind nicht viel besser.  Und setzen dem einen mehr, dem anderen weniger zu.

Wir brauchen keine Aufforderung, mehr Fehler zu machen. Weil wir das ohnehin erst nachher wissen. Und wenn doch vorher? Dann ist Fehler zu machen nicht mutig, sondern einfach töricht.

Wir brauchen nicht unbedingt Fehler, um zu lernen. Weil wir auch auf anderem Wege lernen können. Wir müssen nicht aus jedem Fehler etwas lernen. Weil es nicht aus jedem Fehler etwas zu lernen gibt.

Und viele Fehler zu machen heißt nicht zwingend, viel daraus zu lernen.

Warum dann der Hype? 

Wir stecken im Dilemma: Im Großen wie im Kleinen wird die Welt um uns herum komplexer und immer weniger berechenbar.  Die Gefahr, dass sich eine Entscheidung rückblickend als Fehler Irrtum erweist, steigt. Scheitern kann heutzutage jeder. Beides mit möglichen Konsequenzen, die in keinen Verhältnis zum tatsächlich entstandenen Schaden oder vorher absehbaren Risiko stehen. Und zwar in beide Richtungen.

Gleichzeitig  streben wir nach Sicherheit in den Konsequenzen unserer Entscheidungen. Der vermeintliche Ausweg: Im Zweifel treffen wir lieber keine Entscheidung und vermeiden damit eine falsche. Glauben wir zumindest.

Brauchen wir deshalb mehr Fehlentscheidungen? Nein, wir brauchen den Mut, überhaupt eine Entscheidung zu treffen. Wir brauchen Handlungsoptionen, wenn die vermutete oder erhoffte Konsequenz nicht eintritt. Wir brauchen (Test-)Umgebungen, in denen Irrtümer nicht zur Katastrophe führen. Wir brauchen ein Umfeld, das Fehlentscheidungen toleriert oder nicht über Gebühr sanktioniert. Wir brauchen Mitmenschen, die uns wieder auf die Beine helfen statt den Makel des Scheiterns zu personifizieren.

Wird Scheitern dann zur Lust?

Nein, sicher nicht.

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